Samstag, 13. November 2010

Was macht eigentlich eine Multimediafachfrau?

Heike Prassel ist seit mehr als zehn Jahren selbstständige Webmasterin (oder auch "Multimedia-fachfrau"). Damit vereint sie alle Tätigkeiten rund um die Planung, Entwicklung, Umsetzung und Pflege einer Website. Sie ist Kundenberater, Designer und Webredakteur in einem. Als Allrounder plant sie die Struktur einer Site, gestaltet das Design, pflegt Inhalte ein, unterstützt das Suchmaschinenmarketing und je nach Auftrag pflegt und aktualisiert sie im weiteren Verlauf die Webseiten ihrer Kunden in eigener Regie. Sie ist Ansprechpartnerin in allen webrelevanten Fragen wie Webhosting, Suchmaschinenoptimierung und Reichweitenanalysen, auch "Monitoring" gennant. Darüber hinaus muss sie neue Entwicklungen beobachten und sich kontinuierlich neue Techniken aneignen.
Nebenberuflich ist Heike Prassel als Lektorin und Autorin tätig. Sie lektoriert Romane und unterstützt angehende Autoren in der Entwicklung ihrer Romanprojekte. Außerdem veröffentlichte sie 2009 das Erzählte Sachbuch „Zur Bundeswehr? – Eine Mutter zwischen Verantwortung, Vorurteil und (un)freundlichem Desinteresse“.


Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt

Meine Karriere begann mit dem Schülerpraktikum in einem Steuerbüro: Steuerbescheide mit der Schreibmaschine ausfüllen (mit Blaupapierdurchschlag!), Karteikarten sortieren, Zahlenkolonnen addieren; meine Rechtschreibschwäche tat ihr Übriges. Nach drei Wochen war mir klar: Ein Bürojob, bei dem ich Buchstaben in eine korrekte Aneinanderreihung bringen und von morgens bis abends an einem Platz hocken müsste, würde mich ins Unglück stürzen.
Heute sitze ich wann immer es geht am Schreibtisch, schreibe, dass die Tasten glühen, und würde sagen: Als selbstständige Webmasterin habe ich meinen Traumjob gefunden.

Vom Streicher zum Schreiber

Meine Ausbildungsstelle wählte ich also danach aus, wo ich am wenigsten sitzen und schreiben müsste. Ich wurde Schauwerbegestalterin, was heute Gestalter/in für visuelles Marketing heißt. Beim Streichen, Schreinern und Dekorieren konnte ich meine Kreativität entfalten und schärfte meinen Blick für Design. Die Arbeit machte mir Spaß, doch schon bald nach der Ausbildung wollte ich mich weiterentwickeln.
Was mich dazu veranlasste, meine Bürophobie zu überwinden, weiß ich nicht mehr, aber eine Umschulung zur Werbekauffrau war ideal: Sie baute auf meine Fertigkeiten auf und fügte kaufmännische Kenntnisse hinzu. Nun saß ich doch im Büro und kämpfte mit der Rechtschreibung (meine Ausbilderin schlug die Hände über dem Kopf zusammen – Auszubildende darf man ja nicht schlagen; nicht mal, wenn sie „Mässestand“ schreiben).

Hörfunk mit einer Prise Marketing

Nach dieser zweiten Ausbildung arbeitete ich für einen lokalen Hörfunksender als Mediaberaterin. Zu meinen Aufgaben gehörte die Kundenakquise, Information über das damals noch neue Medium Lokalfunk, Mediaplanung von Hörfunkkampagnen – also welcher Spot erzielt zu welcher Zeit wie viel Reichweite in der anvisierten Zielgruppe – und die Beratung und Betreuung bei der Produktion von Hörfunkspots. Das Marketingprinzip „Denken im Kopf des Kunden“ war Grundvoraussetzung für den Erfolg der Hörfunkkampagnen und der entwickelten Spots. Die Interessen meines Kunden und auch wiederum die ihrer Kunden mussten berücksichtigt werden. Dieses Jonglieren mit Bedürfnissen weckte mein Interesse. Ich wollte mehr darüber wissen und absolvierte nebenberuflich ein Abendstudium Fachrichtung Marketing. Die Abschlussprüfung machte ich schon zu zweit; wenig später kam mein erster Sohn zur Welt.

Familie und Beruf

Arbeit und Kind lässt sich wohl kombinieren, doch ich war für meine Ansprüche in keinem der beiden Welten gut genug; die Mutter kam zu kurz und trotzdem verlor ich im Job an Elan. Aus dieser Unausgewogenheit heraus begann ich mit dem Schreiben. Zunächst schrieb ich einen Roman (grottenschlecht aber mit umso mehr Begeisterung). Als Marketingfachfrau war mir allerdings klar, dass eine Vermarktung schwer sein würde, daher errichtete ich nach dem Prinzip „Gemeinsam sind wir stark“ eine Manuskriptbörse im Internet, in der Autoren Verlagen und Literaturagenturen ihre Manuskripte anbieten. Diese Site, http://www.romansuche.de/ ist heute einer der ältesten Manuskriptbörsen im Web und unter angehenden Autoren recht geachtet.
Nachdem ich mich auf diese Weise – ein bisschen Kind, ein bisschen Hörfunk, ein bisschen Literatur – durchgehangelt hatte, gab ich den Job auf (besser als das Kind, oder?).

Die eigene Firma

Zu dieser Zeit setzte sich das Internet allmählich durch. Wer sich erinnert: Erste www.-Adressen erschienen in der TV-Werbung und man fragte sich noch, ob sich dieses Medium tatsächlich etablieren würde. Mein Mann, der nahezu die selbe Ausbildung durchlaufen und die letzten Jahre bei einer Onlinezeitung gearbeitet hatte, plante, sich mit einer Internetagentur selbstständig zu machen. Ich entschied mitzumachen.
Zehn Jahre später ist aus diesen Anfängen nun die Firma Lang Kommunikation geworden. Wir betreuen internationale Firmen, Verbände aber auch kleinere Unternehmen – viele davon begleiten uns bereits seit den Anfängen unserer Selbstständigkeit.Meine Arbeitszeit verbringe ich zum größten Teil alleine am Rechner. Ich designe, organisiere, kontrolliere, kommuniziere, plane, programmiere … und jede dieser Tätigkeiten macht mir Spaß. Es gibt immer etwas Neues, neue Kunden, neue Marktentwicklungen, neue Techniken, auf die ich mich einstellen muss, so wird mir die Arbeit nie langweilig.

Mein Fazit

Hätte mir vor 25 Jahren jemand gesagt, dass ich einmal am Schreibtisch sitzend meinen Traumjob finden würde … heute weiß ich: Man kann sogar die Orthographie erlernen.


Fünf Fragen an... Heike Prassel:

BaZaKom:

Welche besonderen Fähigkeiten / Interessen und Talente sollte man für den Beruf mitbringen?

Heike Prassel:
Auf jeden Fall Nerven und Koordinationsvermögen. Als Selbstständiger muss man alles in einem sein: Chef, Angestellter und Azubi. Ebenso vielschichtig sind auch die Tätigkeiten. Natürlich gehört eine kreative Ader dazu, gleichzeitig aber auch ein ausgeprägtes Organisationstalent. Zuverlässigkeit, Termintreue und Verständnis für Kundenbedürfnisse dürfen auch nicht fehlen. Eigentlich muss mal als Webmaster die „Eierlegende Wollmilchsau“ sein. Schön, dass ich so eine bin.

BaZaKom:
Wie sieht das Anforderungsprofil für den Beruf aus?

Heike Prassel:
Siehe Punkt 1). Ich schätze, dass diese Frage von jedem Unternehmen anders ausgelegt wird. Als Selbstständige kann ich dazu leider mehr nicht sagen.

BaZaKom:
Worauf sollte man bei der Berufsauswahl / Wahl seines Arbeitgebers unbedingt achten?

Heike Prassel:
Ich glaube ja, dass der Beruf einen selbst findet, wenn man offen für alles ist. Mein Werdegang sieht jedenfalls danach aus. Ich habe immer mein Bauch mitentscheiden lassen und bin damit gut klargekommen. Einen Arbeitgeber sollte man wohl mögen oder zumindest sympathisch finden. Bei mir sind die Kunden im Grunde die Arbeitgeber und es gibt nicht einen, den ich unsympathisch finde. Das versüßt die Arbeit ungemein.

BaZaKom:
Welche Perspektiven oder Alternativen hat man mit diesem Beruf? Wie sind die Karrierechancen?

Heike Prassel:
Webmaster ist ja eher eine Verantwortlichkeit als eine Berufsbezeichnung. Ich kann mir eigentlich keine Steigerung vorstellen, als für alles verantwortlich zu sein. Eine Alternative zu meiner Selbstständigkeit wäre es, eine umfangreiche Webpräsenz für ein einzelnes Unternehmen zu übernehmen. Außerdem könnte ich im Auftrag von Werbeagenturen arbeiten.

BaZaKom:
Was war ein Highlight in Ihrem jetzigen Beruf?

Heike Prassel:
Es gibt nahezu täglich Highlights, wenn ich z.B. eine technische Hürde genommen habe oder ein Designentwurf mir endlich gefällt. Wenn Autoren mir mailen, dass sie über die romansuche.de oder nach meinem Lektorat Verlage gefunden haben und mir ihre Erstausgaben schicken, dann macht mich das auch sehr glücklich.
Mein jüngstes Highlight ist es, dass ich endlich – nach mehr als zehn Jahren – unsere eigene Website http://www.lang-kommunikation.de/ relauncht habe. Das waren gleich zwei Highlights: zum Einen, weil ich dies schon seit Jahren vor hatte, aber nie dazu gekommen war, zum Anderen, weil ich sie in Typo3, einem komplizierten Content-Management-System, entwickelt habe.

BaZaKom:
Heike, vielen Dank für deinen Beitrag!


Das neue Buch von Heike Prassel:

Zur Bundeswehr? Eine Mutter zwischen Verantwortung, Vorurteil und (un)freundlichem Desinteresse

Silke Webers Leben ist in Ordnung. Sie ist beruflich selbstständig, glücklich verheiratet, und die Söhne, Leon, 8, und Hagen, 19 Jahre alt, geben auch keinen Anlass zur Sorge.
Doch eines Tages gerät ein Missklang in die Harmonie: Hagen möchte zur Bundeswehr gehen und sich für 16 Jahre als Soldat verpflichten.
Zur Bundeswehr!? Niemals, das werde ich zu verhindern wissen, denkt sich Silke. Doch mit Basta-Politik kommt sie bei Hagen nicht weit. In cleverer Voraussicht hat er sich mit Argumenten bewaffnet und entlarvt kurzerhand die Einwände seiner Mutter als das was sie sind - Vorurteile gepaart mit Unwissen.
Um an der Entscheidung ihres Sohnes Anteil nehmen zu können überwindet Silke ihr unfreundliches Desinteresse und läßt auch nicht locker, als sie keine einfachen Antworten findet auf die Fragen nach Frieden oder Krieg, nach den zusammenhängen von Staat und Militär, von Interessen und Konflikten.

Wie wird sie am Ende zum "Staatsbürger in Uniform" stehen?

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